Wer bin ich? Die eigene Identität als Selbständiger finden

Batman

Wie kommt Identität zustande?

Stell dir vor, da ist das NICHTS und im NICHTS ist ein weißer Punkt. Dieser Punkt kann sich selbst nicht erfahren oder reflektieren, weil sonst nichts anderes da ist. Kommt aber ein roter Punkt hinzu, dann kann der weiße Punkt sagen “Ah, der ist rot, ich bin weiß!”. Es findet eine Art Abgrenzung und Unterscheidung statt, durch die sich der weiße Punkt selbst erkennt. Wäre der rote Punkt nicht da, wüsste der weiße Punkt nicht, dass er weiß ist.

Das habe ich auch in meinem eigenen Leben bemerkt. Dadurch dass ich beruflich einen Online Shop betreibe und im Umgang mit anderen Menschen eher schüchtern bin, kenne ich nicht sehr viele Menschen. Dann bemerke ich, dass ich allmählich vergesse, wer ich bin. Wie kann das sein? Mir ist aufgefallen, dass es dann irgendwie “egal wird”, wer man ist, weil ja sonst niemand da ist. Es ist egal, was man anzieht, wie man aussieht oder was man tut, wenn es keine anderen Menschen gibt, die das beobachten können. Es fühlt sich an, als würde man erst durch die Beobachtung und Verbindung mit anderen Menschen, existieren -irgendwie quantenmäßig.

Oder ist es relevant, wer man ist, wenn man allein auf einer Insel sitzt? Tom Hanks in Cast Away hat nur eine Identität, weil wir ihn dabei beobachten.

BatmanIch denke, dass Identität sowohl durch Abgrenzung von anderen, als auch durch Verbindung mit anderen entsteht. “Ich bin so wie du” erschafft ein starkes Identitätsgefühl. Und “Ich bin nicht so wie du” ebenfalls. In beiden Fällen ist die Grundlage der Kontakt zu anderen Menschen. Sich mit anderen zu identifizieren ist deshalb genauso wichtig, wie sich zu unterscheiden.

In einem Blog habe ich einmal über die Bildung von Communities und Tribes gelesen. Ein wichtiger Punkt, um eine starke Community zu sein ist, eine gemeinsame Lebensphilosophie zu teilen. Aber nicht nur das, auch ein “äußerer Feind” ist nötig. Irgendwie logisch, denn wenn man stark mit etwas sympathisiert, gibt es mit Sicherheit jemanden, der das Gegenteil davon denkt – und das ist dann der Feind. Wobei Feind nicht bedeutet, dass man diesen dann bekriegen muss, sondern, dass man die Aussage trifft “So bin ich nicht.”. Durch diese Identifizierung innerhalb und die Anti-Identifizierung außerhalb von Communities können diese einem eine starke Identität geben und man kann sich selbst komplett verlieren, wenn man aus einer Community aussteigt.

Bin ich das Wasser oder die Form?

Ich weiß nicht, ob Menschen generell Probleme damit haben, herauszufinden, wer sie sind, oder ob das meine persönliche Achilles-Ferse ist. Ich habe mich einmal intensiv mit der traditionellen, chinesischen Medizin beschäftigt und den ihr zugrunde liegenden 5 Elementen: Holz – Feuer – Erde – Metall – Wasser. Diese Elemente sind überall in der Natur zu finden und ebenso in den Menschen angelegt, wo sie im besten Fall ausbalanciert sind. Ein Mensch kann aber einem gewissen Typ zugeordnet werden und jeder Typ hat seine eigenen, konstitutionellen Voraussetzungen und Herausforderungen im Leben zu meistern.

Ich bin ein Wasser-Typ und in dem Buch “Ich Yin – Du Yang” (guter Titel, weil er das mit dem Identifizieren unterstreicht), habe ich die Frage gelesen “Bin ich das Wasser oder die Form?”. Und diese Frage beschäftigt mich schon mein ganzes Leben. Denn ich habe beobachtet, dass sich meine Identität verändern kann, je nachdem, mit welchen Menschen ich es zu tun habe. Ich passe mich sehr schnell an, wie Wasser an eine äußere Form. Und vergesse dann, wer ich bin. Deshalb ist der soziale Kontakt für mich sehr anstrengend und will noch geübt werden, weil ich erst die Balance finden muss, zwischen a) auf einen anderen Menschen empathisch eingehen (was mir sehr leicht fällt) und aber auch b) dabei bleiben, wer ich bin.

Um zu bleiben, wer man ist, muss man wissen, wer man ist. Identität braucht also Selbstvertrauen. Wenn man bedenkt, dass Selbstvertrauen heißt, dass man sich selbst kennt (was wiederum Identität voraussetzt), dann komme ich zu dem Entschluss, dass Selbstvertrauen und Identität das selbe sind.

Die Identität versteckt sich

Angst vor Ablehnung kann dazu führen, dass man versteckt, wer man ist, weil man die Erfahrung gemacht hat, dass man für das, was einem sehr wichtig ist, in irgendeiner Form abgelehnt wird. Jemand belächelt uns, jemand verlässt uns, man wird ausgegrenzt – weil man ist, wie man ist. Ablehnung ist eine der größten Strafen, die man einem Menschen zukommen lassen kann. Denn wer abgelehnt, ausgegrenzt oder aus einer Gruppe verbannt wird, der verliert den Anschluss und die Verbindung mit Menschen, die ihm wichtig sind. Er verliert dadurch nicht nur seine Identität, sondern bekommt zusätzlich das Gefühl mit auf den Weg, dass mit seiner Identität etwas nicht stimmt.

In Zukunft wird er sie deshalb lieber verstecken und sich anderen Menschen so gut es geht anpassen. Dadurch wird er aber leider unsichtbar, verschwendet sein Potential, das nur durch seine Einzigartigkeit und seine Identität genutzt werden kann. Er vergisst, wer er ist, warum er hier ist, was ihm wichtig ist. Er wird zu dem, der ihm gegenübersitzt und verdrängt seine Wünsche und Bedürfnisse.

Dass das nicht lange gut geht, ist klar. Bei runden Geburtstagen oder einschneidenden Erlebnissen wird diesen Menschen dann bewusst, wie unglücklich sie sind.

Identität als Selbständiger

Gute Unternehmen haben Persönlichkeit und stehen für spezielle Werte. Mir fällt da immer die Zotter Schokolade ein. Ich finde Josef Zotter hat eine sehr interessante, starke und einzigartige Persönlichkeit. Seine Biographie ist absolut lesenswert für jeden Unternehmer. Trotzdem, dass sein Unternehmen gewachsen ist, hat es sich seine persönliche Note bewahrt. So sollte das meiner Meinung nach in jedem Unternehmen laufen.

Wenn man sich als Einzelunternehmer nun aber Marketing-Strategien von Großkonzernen abschaut, wie ich es getan habe 😀 , dann kommt dabei nix Gutes heraus. Da wird nämlich empfohlen, dass man sich genau überlegt, wer die eigene Zielgruppe ist, welche Ängste, Probleme usw diese Leute haben und wie das eigene Produkt oder die eigene Leistung diese Probleme lösen kann.

Aber ist das nicht genau falsch herum? Sollte man nicht von sich selbst wegarbeiten? Jedes Unternehmen löst Probleme. Sollte ich als Einzelunternehmer dann nicht schauen, welche Probleme ICH habe, diese dann lösen und somit auch gleichzeitig anderen Menschen helfen, die die selben Probleme haben? Oder warum würde ich als Einzelperson ein Unternehmen gründen, das die Probleme anderer – aber nicht meine eigenen – löst? Ja nur dann, wenn ich meine Identität verstecke bzw. kein Vertrauen in sie habe. Wenn ich glaube, dass die Dinge, die mir selbst am Herzen liegen, nichts wert sind, nicht relevant, lächerlich oder peinlich sind.

Ich glaube, dass man als Einzelunternehmer auf das ganze aggressive Marketing verzichten kann. Und, dass man an sich selbst und an seinen eigenen Problemen arbeiten sollte. Wenn man das gut genug macht und anderen Menschen zeigt, wie man das gemacht hat – zum Beispiel durch einen Blog oder Videos – dann kommen Freunde und Kunden von alleine. Dann muss man nicht “sellen”, nicht tricksen, niemandem hinterher rennen und auch keine Verkaufstaktiken lernen. Dann muss man nicht einmal – und ich sag’s ungern – Bücher lesen, denn dann kommt alles aus einem selbst.

Und die erfolgreichsten Unternehmen sind ja auch deshalb so richtig groß geworden, weil sie aus einem Eigenbedarf heraus entstanden sind. Jemand hat eine Lösung für sein Problem kreiert, das auch gleichzeitig viele andere Menschen haben. Natürlich gibt es auch große Unternehmen, die durch Verkaufstaktiken und aggressives Marketing groß geworden sind. Da wird den Leuten zuerst eingeredet, dass sie ein Problem haben, nur um dann das dafür vorgesehene Produkt als Lösung anzubieten. Das funktioniert sogar, man nennt das “Bedarf schaffen”. Aber ich möchte so nicht arbeiten.

Je nachdem, welche Variante man wählt, ergibt sich auch ein entsprechender Lebensstil. Mache ich mir den ganzen Tag darüber Gedanken, wie ich anderen Leuten einreden kann, dass sie mich brauchen? Oder arbeite ich lieber an meiner Persönlichkeit, an meinen Problemen, wachse dadurch und helfe womöglich noch anderen damit, die die selben Probleme haben? Wenn ich in einem Jahr sterbe, dann habe ich mich wenigstens weiterentwickelt, selbst wenn mir dafür niemand Geld gegeben hat, weil ich der einzige Mensch mit diesen Problemen bin, die ich zu lösen versuchte (was sehr unwahrscheinlich ist, denn unterm Strich haben wir alle dieselben Probleme).

Auch große Erfinder wie Edison oder DaVinci haben sich nur um sich selbst und ihre eigenen Probleme gekümmert. Sie sind wie besessen ihrer Leidenschaft gefolgt. Oder hat DaVinci Zielgruppenavatare gebastelt? Allein schon die Vorstellung ist lächerlich.

Vielleicht kommt dieses “Für andere etwas tun” auch aus dem Glauben heraus, dass Egoismus und nur an sich denken schlecht ist. Ich denke, man kann anderen Menschen am besten helfen, indem man sich selbst hilft, denn die eigenen Probleme liegen einem immer noch am meisten am Herzen, sodass man für sie die größte Leidenschaft entwickeln und mehr Menschen helfen kann.

 

Credits: Sharon PittawaySaksham Gangwar on Unsplash

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