Spielen ist eine Lebenseinstellung

Das gute Gefühl: Wenn es endlich Freitag ist und du weißt, dass du ein ganzes Wochenende voller Spiel und Spaß vor dir hast – dieses gute Gefühl kennt jeder Gamer.

Doch die Gravitation am Wochenende muss 10x höher sein, denn die Zeit verfliegt 10x so schnell als von Montag bis Freitag. Am Freitag bist du bestens gelaunt, Samstag ist auch noch alles okay. Am Sonntag Mittag wird das gute, sonnige Gefühl allmählich von einer schwarzen Blitz-Wolke überdeckt, die auch schon Super-Mario das Leben schwer gemacht hat.

Spätestens Sonntag Abend, wenn du die letzte Runde spielst, die letzte Quest machst, setzt der Regen ein. Du verabschiedest dich mit einem Geteiltes-Leid-Ist-Halbes-Leid-Witz über Arbeit an sich aus dem Discord, nimmst all deinen Mut zusammen und machst den PC aus.

Dann kommt er: Der besonders in Gamer-Kreisen gefürchtete Montag. All das, was einen Gamer ausmacht – Verspieltheit, Neugier, Unbeschwertheit, Leidenschaft, Lernwilligkeit,… – hat in der Mo-Fr-Welt keinen Platz. Denn wie Arbeit und die von verbitterten Erwachsenen geschaffene Muggelwelt wirklich ist, wissen wir nur zu genau: ernst, unlustig, langweilig, grau, voller Sorgen über Geld und Krankheiten, leidenschaftslos, unproduktiv, etc. “Mit Spielen und Spaß lässt sich kein Geld verdienen”, sagen sie. “Zuerst die Arbeit, dann das Vergnügen”, sagen sie. Also muss das innere, verspielte Kind ruhig am Tisch sitzen bleiben und seinen Spinat aufessen.

Um diesen Zustand zu ertragen und jeden Montag mit der Ubahn in das Reich der Zombies fahren zu können, hast du dir vielleicht eine dieser Taktiken zurechtgelegt:

  • In den Zombie-Mode schalten und tun, was getan werden muss, ohne darüber nachzudenken
  • Dir einreden, dass deine Arbeit eh ganz okay ist und schlimmer sein könnte
  • Dich von Urlaub zu Urlaub hangeln und schon von der Pension träumen
  • Dir ein bisschen heile Welt am Smartphone mitnehmen und in den Pausen Hearthstone spielen
  • Destruktiven Widerstand leisten in Form von krank sein oder Burnout

Auch ich habe einige Zeit eine dieser Strategien gewählt (destruktiven Widerstand). Immer hatte ich irgendwas, von Grippe bis Magenweh. Manchmal tat auch alles weh. So geht es sehr vielen Menschen früher oder später, der Körper sagt nein und sie werden krank oder bekommen ein Burnout. Ich denke auch, je mehr Gamer und kindliche Verspieltheit in einem steckt, desto früher und stärker leidet man unter diesem trostlosen Hamsterrad.

Arbeit kann sich anfühlen wie spielen

Nach fremden Spielregeln zu leben und destruktiven Widerstand zu leisten habe ich persönlich nur 2-3 Jahre ertragen. Bevor es mit dem dauernden krank sein noch schlimmer wurde, habe ich mich dazu entschlossen, die Sache konstruktiver anzugehen und mir “mein eigenes Spiel” gebaut. Sehr früh mit 23 habe ich mich deshalb selbständig gemacht und seither keinen einzigen Tag bereut.

Selbständigkeit ist der einzige, konstruktive Ausweg aus der Zombie-Arbeits-Welt, die viele Menschen krank macht.

Denn erst als ich begonnen habe, selbständig und frei zu arbeiten, ist mir immer öfter aufgefallen, dass ich beim arbeiten das selbe Gefühl habe, wie beim spielen. Ich habe sogar weniger gespielt, dafür mehr gearbeitet, sozusagen weil es eh das selbe ist. Es wurde für mich immer deutlicher, dass (insbesondere selbständiges) arbeiten eigentlich spielen IST, weil beide Tätigkeiten sich die wichtigsten Grundlagen teilen:

Du bist mit Leidenschaft dabei und hast Spaß

In guten Spielen macht schon der Weg selbst Spaß. Man spielt nicht nur für die Schatzkiste am Ende des Spiels, sondern um des Spielens willen. Wem es in Diablo 3 keinen Spaß macht, sich durch eine Horde Monster zu schnetzeln, wird ein Schatzgoblin-Portal nie von innen sehen.

Klar, manche Menschen haben diese Durchhalte-Qualitäten in der Arbeit sowie im Spiel. Sie quälen sich zur Schatzkiste und bekommen am Ende vielleicht sogar die Belohnung. Aber wie lange kann man das durchhalten und zu welchem Preis? Und erzielt man nicht schnellere und bessere Erfolge, wenn man es gerne macht?

So wie man mit einem Spiel aufhört, wenn es keinen Spaß mehr macht, so hört man auch in der Arbeit auf “zu brennen”, wenn die Leidenschaft fehlt – auch “Burnout” genannt. Leidenschaft ist wie ein Treibstoff, der uns genug Schubkraft gibt, um jede Hürde zu überwinden.

Die richtige Arbeit jedoch erzeugt diese Energie und verleiht uns Kraft, Lebensfreude und Gesundheit.

Du willst deine Skills und Fähigkeiten benutzen

In Spielen nutzen wir automatisch die Skills, die uns natürlicherweise liegen zb. Schnelligkeit, Reaktionsvermögen, Prediction (vorausschauen), Entscheidungen treffen, Teamplay, Handeln, heilen, beschützen,… In sogenannten “Killerspielen” geht des deshalb auch nicht darum, zu “töten”, sondern unsere Fähigkeiten in einem geschützten Rahmen zu nutzen.
Unsere Skills zu nutzen macht Spaß und bringt uns in einen Flow-Zustand, wo alles automatisch und unterbewusst abläuft.

Auch beim Arbeiten sollten wir Fähigkeiten nutzen, die uns leicht und natürlich von der Hand gehen, damit wir öfter in diesen Flow-Zustand kommen. Müssen wir uns hingegen ständig überwinden, zum Beispiel zu Kreativität obwohl wir eher rational veranlagt sind, dann wird Arbeit nie Spaß machen können.

Es kann sehr frustrierend sein und unser Selbstvertrauen enorm schwächen, wenn wir beim Arbeiten ständig das Gefühl haben, nicht gut genug zu sein, das Falsche zu tun oder uns überwinden zu müssen. Im Gegensatz dazu ist es ein verdammt gutes Gefühl und steigert unser Selbstvertrauen, den eigenen Skill zu spüren.

Du willst dich verbessern und dazu lernen

Ich denke, es ist wichtig, dass man eine Arbeit macht, die einem leicht von der Hand geht und für die man eine gewisse Begabung hat. Also eine Anlage für ein Potential. Aber jedes Talent muss auch trainiert werden und je konsequenter man das macht, desto besser wird man darin. Spiele zeigen uns, dass uns Dinge nicht einfach in den Schoß fallen, sondern (mit Spaß) erarbeitet werden müssen.

Die richtige Arbeit fühlt sich natürlich an und geht leicht von der Hand. Das erzeugt Energie. Doch wenn alles nur einfach und leicht ist, wird es schnell langweilig. Das sieht man auch sehr gut in Spielen – ein Game, in dem es keine Herausforderung und Ziele mehr gibt, in dem wir nichts mehr lernen und uns nicht mehr verbessern können, ist Over.

Damit die Balance zwischen Herausforderung und Spaß stimmt und wir nicht irgendwann explodieren vor lauter Energie, sollten wir einen Teil der Energie in eine Herausforderung investieren, um dazu zu lernen. Wie in Rollenspielen, wo wir uns durch unseren Fortschritt Skillpunkte verdienen und diese in Fähigkeiten investieren, um besser zu werden.

Die komplette Entscheidungsfreiheit über “unseren Charakter” haben wir dabei nur in der Selbständigkeit, wo wir das Maß und die Richtung unseres persönlichen Wachstums selbst festlegen können.

Du hast ein Ziel vor Augen

Ein Spiel lebt von Zielen. Man nehme nur einmal World of Warcraft. Derzeit ist mein WoW Abo inaktiv, weil ich gerade 0 Sinn darin sehe, es zu spielen. Ich spiele seit dem 1. Beta-Tag vor unendlich vielen Jahren und hatte dazwischen immer mal Phasen, wo ich es garnicht gespielt habe. Aufgehört hab ich immer dann, wenn ich kein Ziel mehr hatte. Meine Ziele haben oft mit dem Berufe System zu tun gehabt, das mit den Jahren immer stärker vereinfacht wurde. Ich arbeite anscheinend in Spielen (Craften und Traden) und spiele in meiner Arbeit. Da sieht man wieder, wie auswechselbar diese Begriffe sind oder zumindest sein sollten.

Während man Spaß am Weg hat, hat man ein Ziel vor Augen: Etwas zu erreichen und dafür den Schatz-Goblin erhalten.

In der Arbeit ist diese Belohnung das Geld. Wenn man keine Leidenschaft hat, hält man nicht lange durch, hat man keine Motivation, nicht die richtigen Gedanken und steht mit einem Fuß auf der Bremse. Als würde man Maus und Tastatur beim Spielen vertauschen. Je mehr Leidenschaft man empfindet, desto mehr Geld erhält man am Ende.

Warum ist das so? Je mehr die eigene Arbeit einem selbst wert ist, desto mehr Wert erschafft man für andere Menschen. Und Wert wird mit Geld bezahlt.

Du bist frei und kannst sein, wer du bist

In Spielen zeigen wir unbewusst und ganz automatisch wer wir sind bzw. im Real Life gerne sehn wollen.
Wie Körpersprache ist diese “Spielprache” grundehrlich und oft konträr zu unseren verbalen Aussagen bzw. Handlungen im echten Leben.

Spiele bieten uns die Freiheit, zu sein wer wir sind und die Sicherheit, nichts dabei verlieren zu können.

Spiele sind keine passive Welt, in die man sich flüchtet, wie Bücher oder Serien. In Spielen muss man aktiv werden,und Entscheidungen treffen. Und was man tut, gibt Aufschluss darüber, wer man ist. Am aufschlussreichsten sind dabei Rollenspiele, in denen man einen Charakter nach seinem Ideal entwickelt und First Person Shooter, in denen man schnelle Entscheidungen aus dem Bauch heraus treffen muss.

Um im Real Life zu sein, wer man ist und zu tun, was man will, muss man frei sein, alle Entscheidungen selbst treffen und nach seinem eigenen Rhythmus leben können. Diese eigenen Spielregeln kann man sich nur als Selbständiger erschaffen.

Learn 2 Play All Day

Eines Abends spielte ich mit Freunden den Shooter Overwatch. Im Team fehlte natürlich auch nicht der Sniper, Widowmaker. Am Ende des Games wurde unser Sniper im Chat des Cheatens bezichtigt und an Blizzard reportet. Weil er so gut war, behauptete das gegnerische Team, er würde einen Aim-Bot verwenden. Die Antwort unseres Snipers lautete “L2P” = Learn to Play.

Bis heute habe ich mir dieses kleine Wörtchen gemerkt, weil es so viel Wahrheit enthält. Ich wusste, dass unser Sniper nicht cheatet, weil wir alle regelmäßig gemeinsam trainieren, um unser Aiming zu verbessern. Er hat also sehr viel Zeit investiert, um sich zu verbessern und dazu zu lernen. Mit “L2P” teilte er dem anderen eigentlich mit, dass er das auch lernen könnte, wenn er bereit wäre, etwas für seinen Erfolg zu tun.

Diese Dynamik kann man auch sehr oft im Zusammenhang mit Arbeit und Beruf beobachten. Da gibt es die Reichen, die meistens hart (oder smart) für ihren Reichtum gearbeitet haben – nicht immer, so wie es auch wirklich Cheater gibt – und diejenigen, die über erfolgreiche Menschen sagen, sie hätten Glück gehabt oder würden betrügen.

Den Zusatz “All Day” habe ich hinzugefügt, weil ich damit sagen will, dass sich das Spielgefühl nicht nur auf Spiele selbst beschränken muss, sondern auch die Arbeit von Mo-Fr so viel Spaß machen kann wie ein Spiel. Ich habe nie eingesehen, dass mein Tag von 9-5 scheisse sein soll, damit ich mich dann am Abend in die Welt der Spiele flüchten kann, weil es dort lustiger ist. Ich denke, der ganze Tag, das ganze Leben sollte sich anfühlen, wie ein Spiel – und gleichzeitig produktiv und nützlich sein.